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Extensive Großviehbeweidung in vier Naturschutzgebieten im Kreis Reutlingen
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Rinder auf Wacholderheiden, Esel auf bislang gemähten Flächen und möglicherweise Wasserbüffel im Feuchtgrünland: Das Regierungspräsidium Tübingen erprobt in den vier Naturschutzgebieten Kälberberg-Hochberg, Goldland-Klausenberg, Ohnastetter Bühl und Upfinger Ried im Landkreis Reutlingen neue Wege der Landschaftspflege. Davon sollen seltene Tier- und Pflanzenarten profitieren – vom Kleinen Heidegrashüpfer, Randring-Perlmutterfalter und der Gelbbauchunke über Wiedehopf und Braunkehlchen bis hin zu Enzian und Orchideen. Das Pilotprojekt „Extensive Großviehbeweidung in vier Naturschutzgebieten im Landkreis Reutlingen“ läuft bis zum Ende des Jahres 2029 und wird mit rund 290.000 Euro von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg gefördert.
„Eine vielfältige Kulturlandschaft braucht eine starke Partnerschaft zwischen Naturschutz und Landwirtschaft,“ so Regierungspräsidentin Isabel Kling. „Mit dem Modellprojekt setzen wir auf die enge Zusammenarbeit mit tierhaltenden Betrieben und weiteren Akteuren, um wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu erhalten und die Pflegemaßnahmen gemeinsam weiterzuentwickeln.“
Viele der artenreichsten Offenlandschaften auf der Schwäbischen Alb sind durch jahrhundertelange Beweidung oder Mahd entstanden. Vor allem die Menschen mit ihren Schafen und Ziegen haben Wacholderheiden und Kalkmagerrasen geprägt und tragen bis heute zu ihrer Erhaltung und Artenvielfalt bei. Ohne diese tierischen Landschaftspfleger wachsen solche Flächen nach und nach mit Gehölzen zu. Arten, die offene, sonnige oder lückig bewachsene Lebensräume brauchen, verlieren damit ihren Lebensraum. Für die Pflege solcher Flächen stehen jedoch nicht überall ausreichend Schäfereibetriebe zur Verfügung. Auf schwer zugänglichen, nassen oder stark gegliederten Standorten ist auch eine manuelle oder maschinelle Pflege oft sehr aufwendig.
Das Pilotprojekt erprobt deshalb zusätzliche, alternative Formen der Beweidung. Auf ausgewählten, bereits eingezäunten Flächen in den Naturschutzgebieten Goldland-Klausenberg und Kälberberg-Hochberg werden Rinder eingesetzt. Im Naturschutzgebiet Ohnastetter Bühl ist geplant, die Randbereiche mit Rindern und Eseln zu beweiden. Die besonders orchideenreichen Flächen werden weiterhin gemäht. Für das Naturschutzgebiet Upfinger Ried wird zunächst geprüft, ob eine Beweidung mit Wasserbüffeln für die dortigen Lebensräume geeignet und mit den vorkommenden Tier- und Pflanzenarten vereinbar ist.
Die traditionelle Schafbeweidung soll ausdrücklich nicht ersetzt werden. Sie bleibt ein wichtiger Bestandteil der Landschaftspflege. Das Projekt zielt auf Flächen, auf denen andere Weidetiere aufgrund der örtlichen Bedingungen einen Mehrwert an Strukturvielfalt schaffen.
Denn selbst auf bislang regelmäßig gepflegten Magerrasen geht die Artenvielfalt zurück. Unter anderem breiten sich konkurrenzstarke Pflanzen zunehmend aus und verdrängen andere. Auch in ehemals sehr artenreichen Gebieten verschwinden immer mehr typische Magerrasenarten. Das zeigt den Expertinnen und Experten, dass die bisherige Pflege nicht mehr überall ausreicht und angepasst werden muss.
Mit den neuen Beweidungsformen sollen die Lebensbedingungen für seltene und charakteristische Arten verbessert werden. Eine ganzjährige Beweidung kann beispielsweise helfen, die Aufrechte Trespe zurückzudrängen und offene Bodenstellen zu schaffen, auf denen sich Pflanzenarten aussamen können. So soll ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume entstehen, das möglichst vielen Tier- und Pflanzenarten zugutekommt.
Begleitende Erstpflegemaßnahmen sollen zudem verbuschte Bereiche wieder öffnen und die Voraussetzungen für eine anschließende Bewirtschaftung verbessern. Die Wirkung der Maßnahmen wird im Rahmen eines Monitorings begleitet und untersucht. Vorgesehen sind Vegetationsaufnahmen sowie Untersuchungen von Vögeln, Dungkäfern, Schmetterlingen und Heuschrecken. Die Ergebnisse sollen zeigen, wie sich Vegetationsstrukturen und Artenvielfalt entwickeln und welche Ansätze sich auf vergleichbare Flächen übertragen lassen.
Hintergrundinformationen:
Naturschutzgebiet Kälberberg-Hochberg (Münsingen), ausgewiesen am 01. Februar 1994: Der Gewannname „Kälberberg“ deutet auf eine historische Nutzung als Jungviehweide hin. Zudem befindet sich ein Rinderzuchtbetrieb in unmittelbarer Nähe des Naturschutzgebietes. Auf zwei Teilflächen des NSG wurde eine Beweidung mit Jungrindern eingerichtet, die gegebenenfalls durch weitere Weidetiere ergänzt wird. Begleitend werden Entbuschungsmaßnahmen auf der dortigen Wacholderheide durchgeführt. Von der Beweidung und den dadurch entstehenden offenen Bodenstellen könnte unter anderem der Kleine Heidegrashüpfer profitieren. Projektbeteiligte sind: Untere Naturschutzbehörde Reutlingen, LEV Reutlingen, Stadt Münsingen, rinderhaltende Betriebe.
Naturschutzgebiet Goldland-Klausenberg (Dettingen a.d. Erms), ausgewiesen am 06. November 1985: Im angrenzenden, gleichnamigen Landschaftsschutzgebiet wurde auf gemeindeeigenen Flächen bereits eine Beweidung mit Rindern und Ziegen im Rahmen des Projekts „Kuziko“ (Kuh- und Ziegenbeweidung) eingerichtet. Die Rinderbeweidung wurde nun auf das Naturschutzgebiet ausgeweitet. Ergänzend sind Entbuschungsmaßnahmen im Naturschutzgebiet vorgesehen. Darüber hinaus wird geprüft, inwieweit zusätzlichen Artenschutzmaßnahmen umgesetzt werden können. Dazu zählen die Schaffung offener Bodenstellen und temporärer Amphibiengewässer sowie das Anbringen von Fledermauskästen. Die Maßnahmen sollen die Lebensbedingungen für verschiedene Tiergruppen verbessern, darunter Insekten, Fledermäuse, Vögel wie den Wiedehopf, Reptilien wie die Schlingnatter sowie Amphibien wie die Gelbbauchunke. Projektbeteiligte sind: Untere Naturschutzbehörde Reutlingen, LEV Reutlingen, Gemeinde Dettingen a.d. Erms, rinderhaltende Landschaftspflegebetriebe.
Naturschutzgebiet Ohnastetter Bühl (St. Johann), ausgewiesen am 21. Dezember 1973: Im Naturschutzgebiet sollen zwei bislang schnell verbuschende Teilflächen künftig durch Beweidung offengehalten werden. Auf einer bisher aufwendig manuell gemähten Teilfläche ist eine Beweidung mit Eseln vorgesehen, auf einer weiteren Teilfläche am Waldrand eine Beweidung mit Rindern. Ziel ist es, offene Bodenstellen zu schaffen und damit die Lebensraumbedingungen für gefährdete Pflanzen- und Insektenarten, insbesondere Arten des Artenschutzprogramms, wie den Faserschirm und die Honigorchis, zu verbessern. Von den Offenbodenstellen sollen unter anderem Heuschrecken sowie verschiedene Enzian- und Orchideenarten profitieren. Ergänzend ist vorgesehen, aufkommende Gehölze zu entfernen und durch das randliche Erweitern von Sandkuhlen kleinflächig offene Bodenstellen zu schaffen. Projektbeteiligte: Untere Naturschutzbehörde Reutlingen, Gemeinde St. Johann, lokale tierhaltende Betriebe.
Naturschutzgebiet Upfinger Ried (St. Johann), ausgewiesen am 21. September 1995: Für dieses Naturschutzgebiet soll zunächst eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden. Ziel ist es, geeignete Beweidungsformen und -flächen zu identifizieren. Dabei soll insbesondere geprüft werden, ob eine Beweidung mit Wasserbüffeln möglich und mit den Ansprüchen der im Gebiet vorkommenden Zielarten vereinbar ist. Im Fokus stehen unter anderem der Randring-Perlmutterfalter und das Braunkehlchen. Ergänzend zur möglichen Beweidung sind manuelle beziehungsweise maschinelle Erstpflegemaßnahmen vorgesehen. Als Alternative oder Ergänzung zur Beweidung soll außerdem eine mögliche Vernässung der Fläche fachlich geprüft werden. Die Fläche befindet sich im Eigentum des Bundes für Naturschutz Neckar-Alb. Projektbeteiligte: Bund für Naturschutz Neckar-Alb, LEV Reutlingen, externe Landschaftspflegebetriebe.